17. März 2014 · Kommentare deaktiviert für Orchestra popolare delle Dolomiti · Kategorien: Musikgruppe

Dieser Text wurde im Mitteilungsblatt “G’sungen und g’spielt”, Heft 144, 39. Jahrgang, März 2014 veröffentlicht.

OPD_TUTTI_1000Die Gründung des Ensembles Orchestra popolare delle Dolomiti – das seinen ersten Auftritt anlässlich der Veranstaltungsreihe Itininerari Folk in Trient vor zwei Jahren hatte – geht auf den Fund einer unveröffentlichten Musikerhandschrift mit Musikstücken und Tänzen zurück. Im Rahmen einer Feldforschung, die von Roberto Tombesi, Gründer der Musikgruppe Calicanto, und Lehrer am Konservatorium in Padua geleitet wurde, wurden die Handschriften in der Gegend des Cadore in der Provinz Belluno gefunden.

War es zunächst nur ein ziemlich abgegriffenes Heft mit über hundert Melodien, das von der Studentin Manuela De Luca Valentin ausfindig gemacht wurde, so tauchten alsbald im Rahmen der Feldforschung weitere musikalische Zeugnisse auf, die zwar unter musikalischen Gesichtspunkten weniger interessant waren, jedoch gute Zeugnisse einer Musizierpraxis von Familien aus dem Cadore darstellten. Diese kleinen Musikgruppen, die vorwiegend mit Geigen und Mandolinen musizierten, kennt man ja nicht nur in den Dörfern der Dolomitenregion in Venetien, dem Trentino oder Südtirol, sondern im gesamten Alpenraum. Vorrangige Aufgabe war es, das dörfliche Leben im Jahreslauf musikalisch zu begleiten.

Spannend war es zu erfahren, dass dieses Heft mit den Auswanderern im 19. Jahrhundert seinen Weg nach Amerika  gefunden hatte und von den Personen, die im Ruhestand wieder in die Heimat zurückgekehrt waren, mit nach Hause gebracht wurde. Dort wurde es in einem Unterdach abgelegt und zufällig wieder aufgefunden.

 Das erste Heft enthält 115 unveröffentlichte Melodien, von denen einige eigenartige Namen tragen wie Berlingozza, Concier di Testa, Ratapatà. Neben den damals sehr beliebten Walzern finden sich Melodien, die weit älter sind, wie Monferrine, Quadriglien, Galopp, Villotten, Varsovien, Schottische oder Gavotten. Bei einigen Notenbeispielen gibt es auffällige Verwandtschaften zu bekannten alpenländischen Musikantenhandschriften oder denen des emilianischen Apennins.

Aus den Handschriften ist im Juni 2012 die Publikation “Ballabili antichi per Violino o Mandoline. Un repertorio dalle Dolomiti del primo 900” entstanden. Realisiert wurde die Publikation von Roberto Tombesi, Francesco Ganassin  und Tommaso Luison, die Melodien transkribiert, die entsprechenden Texte verfasst und 34 Melodien als Klangbeispiele eingespielt haben.

In einem sehr schönen Vorwort unterstreicht Professor Sergio Durante, dass die Publikation die Auffindung eines Schatzes darstellt. “Es steckt etwas Mythisches im Auffinden dieses Heftes und weiterer Zeugnisse. (…) Zeugnisse einer verschwundenen Welt, die jedoch immer noch  irgendwie vorhanden ist. (…) Kultur der Vergangenheit ist mehr als ein schönes Andenken. Sie kann, wenn sie intelligent aktualisiert wird, eine lebendige Zukunft bedeuten im Gegensatz zu vielen Plattitüden vieler Pseudo-kultureller Produkte.”

Die Idee, diese Melodien wieder lebendig werden zu lassen, führte zur Gründung eines kleinen Orchesters, deren Mitglieder aus Musikgruppen traditioneller Musik stammen, und zwar aus dem gesamten Dolomitenbogen.

Vor zwei Jahren traf man sich das erste Mal und Roberto Tombesi konnte gemeinsam mit Francesco Ganassin die Idee, ein kleines Orchester ins Leben zu rufen vorstellen. Musiker aus dem Cadore, aus Padua, aus Vicenza, aus dem Trentino und aus Südtirol ließen sich vom Enthusiasmus anstecken und so entstand Schritt für Schritt ein von Francesco Ganassin arrangiertes Repertoire und der erste Auftritt vor knapp zwei Jahren in Trient.

Die beiden Säulen, auf die sich das Orchester stützt, sind die Mandolinen und die Geigen, ganz in der Tradition der kleinen Musiziergruppen des Cadore. Ergänzt werden diese durch Flöten, Schwegeln, Gitarren, einer Tiroler Volksharfe, durch Cellos, Trompeten, Klarinetten und einem Organetto.  

Die Proben gestalten sich aus logistischen Gründen als etwas schwierig, liegen die Orte, aus denen die Musiker kommen, teilweise bis zu 250 km auseinander. Trotzdem ist es gelungen, sich ein Repertoire zurechtzuspielen, das mittlerweile in einigen Konzerten in Rovigo, Padua, in Auronzo, in Borgo Valsugana, in Trient oder Vallarsa mit viel Applaus bedacht wurde.

In dem Orchestra popolare delle Dolomiti, das derzeit 25 Musikerinnen und Musiker umfasst, musizieren folgende Gruppen: Abies alba (Trentino), Al Tei (Veneto), Alessandro Tombesi ensemble (Veneto), Bandabrian (Veneto), Calicanto (Veneto), Compagnia del fil de fer (Trentino), Mideando string quintet (Veneto), Quartetto Neuma (Trentino),   Pasui (Südtirol).

Damit wird auch schon eine der zentralen Zielsetzungen dieses Orchesters klar, die es mit vielen anderen Projekten in Südtirol, Tirol und darüber hinaus verbindet: der (Volks-)Musik die Würde zurückzugeben und der Musik und den Tänzen des Alpenbogens die Sichtbarkeit zu verleihen, jenseits von Sprach- und geographischen Grenzen,  die sie verdienen.

Wer mehr über das Orchester erfahren möchte, ist eingeladen den Internetauftritt  www.orchestrapopolaredolomiti.it zu besuchen. 

“Ballabili antichi per violino e mandolino. Un repertorio dalle Dolomiti del primo ‘900”. Mit Audio CD. Von Roberto Tombesi Francesco Ganassin Tommaso Luison. –  edito da Nota, 2013. – Notenbeispiele

ISBN  9788861631021

Kommentare geschlossen.